Die Sturmflut

Abb.: "Boot", Linolschnitt, Dietrich Kirsch

Wer erinnert sich noch an die Anfänge seines persönlichen Lebens, - wer kann seine früheste Erinnerung beschreiben?

Schon in der Nacht setzt ein starker Wind ein, wir müssen die Fenster schließen. Als es langsam heller wird, hören wir das Brausen der Nordsee. Und es zieht mich doch noch einmal zum großen Wasser hin.

Als ich der See wieder begegne, hat sich die Lage inzwischen völlig umgekehrt. In der Dämmerung sehe ich das tobende Element, die meterhohen Wellen, wie sie den schräg ansteigenden Deich in kurzen Abständen bis fast an die Deichkrone heraufjagen. Ohne zu überlegen: ich muss jetzt und hier noch einmal ins Wasser!

Also geht es splitternackt langsam und schrittweise rückwärts den Deich hinunter, über die Steine zum Wasser hin. Schon hat mich die nächste Riesenwelle gepackt, erst ein, zwei Meter aufwärts und dann mit ihrem großen Sog abwärts in das riesige, große, dunkle Meer.

Ich tanze auf den vier, fünf, sechs Meter hohen Wellen! Der helle Wahnsinn! Aber ich bin glücklich!! – Wer weiß, wie lange …

Und ich muss natürlich auch wieder ans Aussteigen denken. Und wie komme ich hier heraus? Die meterhohen Wellen immer noch laufend und blitzschnell die Gepflasterte Deichschräge herauf und herab. Ich muss versuchen, mit einer der Wellen den höchsten Punkt des Deichs zu erreichen. Schon der erst Versuch scheitert. Der Sog des Wassers ist zu stark, ich werde immer wieder zurückgerissen. Meine Knie und Fingerspitzen schaben sich in den Steinen wund. Doch es ist der einzige Weg, aus der Falle herauszukommen. Ich muss es immer wieder versuchen.

Ich beobachte, dass es verschieden starke Wellen gibt. Ich muss für mich eine besonders große Welle erwischen, meine einzige Chance. Und so wirft mich eine riesige Welle ganz hoch an den Deich. Ich kralle mich mit letzten Kräften an den obersten Steinfugen fest. Und tatsächlich gelingt es mir jetzt, das Wasser ablaufen zu lassen. Mit allerletzten Kräften krieche ich noch höher, um der nächsten Welle zu entgehen.

Und es gelingt mir tatsächlich! Und das ist der Augenblick zu wissen, dass ich gerettet bin.

Ich bleibe einige Minuten in Sicherheit dort liegen. Die Schmerzen meiner aufgewetzten Knie und Finger sind dagegen unwichtig. Ich ziehe mich langsam wieder an und gehe in mein Quartier zurück.

Als wir zur Rückfahrt ans Festland an der Mole ankommen, heißt es, dass die Fähre 3 Stunden später ablegen wird. Der Grund: wegen des Sturms kann das Schiff zur Zeit noch nicht fahren.

Leseproben aus "Briefe an den Augenblick"