Unfallbericht

Ich befand mich zusammen mit dem Bergkameraden O. und dessen Vetter auf dem Abstieg vom Ortlergipfel (3005 m) zur Payerhütte. Gegen 13 Uhr des 5. August 1965 durchkletterten wir im letzten Teil unseres Abstiegs eine Felsenrinne, die auf dem offiziellen Kletterweg vom Ortler zur Hütte rechts und links mit zwei Stahlseilen gesichert ist. Von uns drei Bergkameraden stieg ich als Letzter ab.

Außer uns waren an dieser Stelle verschiedene andere Klettergruppen unterwegs, die in Begleitung ihrer Bergführer dicht hinter uns folgten. An einer Stelle, die durch die bei der Mittagswärme tauenden Schneereste etwas schwieriger begehbar war, verhalf mir der unter mir gehende Bergkamerad O. zu günstigen Trittmöglichkeiten beim Abstieg.

In diesem Augenblick erfolgte eine so starke ruckartige Bewegung des Drahtseils, verursacht durch die über mit kletternden Bergsteiger, dass ich für diesen Moment den festen Griff am rechten Stahlseil und den Boden unter den Füßen verlor. Dabei rutschte mir das linke Seil für einige Meter durch die linke Hand.

Die Hand war nach meiner Kriegsverwundung, bei Lähmung des linken Arms, krallenartig versteift. Diese Art der Versteifung hielt mich aber wie mit einem Haken automatisch am linken Seil. Damit rutschte ich etwa 6 - 8 Meter am Seil entlang und die Haut meiner Finger ging dabei in Fetzen.

Erst als ich wieder mit den Füßen Halt bekam, konnte ich klar erkennen, wie mein Kamerad O. zur gleichen Zeit vom Berg herabgefallen war. Er hatte sich auf einer Geröllhalde mehrfach überschlagen, alles in allem etwa 60 Meter unter mir. Sein Rucksack hatte den Aufprall beim Sturz stark gemildert. Ich konnte sehen, wie er schon bald nach dem Sturz wieder langsam aufstand und winkte.

Auf Anraten der vorbeigehenden Bergführer ging der unversehrte Vetter von O. sofort zur Payerhütte zurück, um den Abtransport zu veranlassen. Ich selbst wartete oberhalb der Geröllhalde, bis dieser Abtransport durch eine Vierergruppe von Bergführern begann. Er erfolgte direkt ins Tal nach Trafoi. Nach dem eigenen Abstieg zusammen mit O.s Vetter über Sulden sah ich O. dann endlich wieder. Die Bergführer hatten ihn mit Erste-Hilfe-Verbänden geschient und versorgt. Inzwischen war es 18.45 Uhr.

Meine beiden Bergkameraden fuhren noch in der anschließenden Nacht mit ihrem Auto nach Freiburg/Brg. zur Untersuchung und Behandlung in einer dortigen Klinik.

Mir selbst hatte meine schwere Kriegsverwundung vor 20 Jahren an diesem Tag das Leben gerettet,

Leseproben aus "Briefe an den Augenblick":